"Von toten Vögeln.

Ein matrilineares Doku-Märchen" [2012 / 2014]

Drei Frauen, drei Generationen, drei Biografien: Oma, Mutter und Tochter verbringen eine Nacht miteinander, führen ein scheinbar objektives Interview über das „Mutter-Sein“, ein Kunst-Projekt der Tochter, und verhandeln letztlich doch mehr als das, nämlich ihre Lebensgeschichten. Es entspinnt sich die bundesrepublikanische Geschichte noch mal neu und zwar aus der Perspektive von Frauen, deren Geschichte(n) in der Regel unerhört bleiben.

Es ist mein 30. Jahr. Und ich sitze - älter und dicker als ich es jemals gewesen bin - vor meiner Zukunft. Es ist mein 30. Jahr und wegen dieser Zukunft grabe ich mich ein in die Vergangenheit. Es ist mein 30. Jahr und ich bin ein Mensch, einer, der erwachsen ist, ein erwachsener Mensch, der aber eine Frau* ist, eine weiße akademische Frau*, eine Lesbe, ein Arbeiter*innenkind. Es ist mein 30. Jahr und ich will eine Mutter sein. Ich will eine Mutter und eine Schriftstellerin sein, obwohl ich weiß, es ist „schwer, schwer, es ist unheimlich schwer, und das ist natürlich viel einfacher, wenn man ein Mann ist und wenn man also eine Frau hat“. Es ist mein 30. Jahr und ich will keine Mutter sein, nein, nicht unter diesen Bedingungen; ich will konkurrenzfähig und flexibel, radikal und beliebig sein. Ich will mich jetzt noch nicht entscheiden, ich will irgendetwas haben irgendwann, irgendetwas sein. Ich will mein eigenes Kind sein. Es ist mein 30. Jahr und ich sitze blass und ungeschminkt vor meiner Geschichte, einer Geschichte, die mir gar nicht gehört.

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Text/Regie: Vedi Vanessa Emde, Dramaturgie/Lektorat: Sina Klein, Video: Mareike Lauken, Musik: Viola Pawlowski, Bühne: Sophia Schneider und Andreas Hartmann, Kostüme: Jan Koslowski, Performer*innen: Paula Alamillo, Johannes Frick, Banafshe Hourmazdi, Tim Kalkhof, Claudia Lorentz, Janina Schröder und Vera Streicher.

PRESSE:

Für diese intensive autobiografische Forschung über Mütter und Töchter hat Emde ein eigenes Genre gefunden, das Doku-Märchen: tradierte Familien-Wahrheiten, Originalinterviews, Wunschprojektionen und die quälende Suche nach dem eigenen Platz in der Welt sind verwoben zu einer dichten, poetischen Erzählung. Das Setting Märchenwald zwischen Plastikplanen und die jugendliche Spielweise erlauben Emde und ihren Spielerinnen die Abstraktion vom Persönlichen allzu Intimen und geben dem Projekt eine zarte Leichtigkeit . Absolut überzeugend.
[Süddeutsche Zeitung, 11 .04.2012]

Vanessa Emdes „matrilineares Doku-Märchen“ überzeugte mit Intensität und Dringlichkeit. Das aufwendige Projekt macht deutlich was das Schlagwort vom geschützten Raum bedeuten kann, dass fast in jedem Gespräch über Regie-Ausbildung binnen zwei Minuten fällt. Ein derart emotionaler und arbeitsintensiver Prozess wäre in einer Regieassistenz undenkbar. Emde hatte den Freiraum und die Zeit, ihre Interviews mit Mutter und Großmutter zu Szenen und einem romanreifen Prosatext zu verdichten.
[Cornelia Fiedler, Dringlichkeit? Gefällt mir, in: Theater heute, April 2012]

Und es gab auch vollkommen überraschende Produktionen: "Von toten Vögeln." von Vanessa Emde von der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg durchsetzte ihren Rückblick auf die Lebensläufe ihrer Großmutter, ihrer Mutter sowie ihr eigenes Leben gekonnt mit Märchenelementen.

[Die Welt, 05.04.2012]

In a dense poetic web of original statements, which are worked almost literally into the text in contrast to artificial fairy tale-like parts, Vanessa tells the story of her family from the Second World War until today. (...) An early version of the play (On Dead Birds) was premiered in 2012 in Ludwigsburg and was performed by the Körber studio for young directors at the Thalia Theater, Hamburg, in the same year. She reworte and modified the play over several years, staging another version (O Mrtvých Ptácíc) in Prague at Theatre X10 in spring 2014 until she seemed to have found the right form – for now. The piece was celebrated by the feuilletons, playwrights, and editors for its surprising and powerful language and the author’s sovereignty in examining West German history, but most of all because of her courage in entering into her very own biography, without ever falling into the rhetoric of misery. In its subjectivity, her sense of humor and the ability to step in and outside of her own story enabled her to keep the unsentimental poetic distance of a keen spectator.

[Clara Herrman, SCHLOSSPOST, 2015, http://schloss-post.com/the-plight-of-the-postmodern-daughters/ ]

Juryurteil - Körber Studio Junge Regie 2012:

"O Mrtvých Ptácíc"

[Divadlo X10 - Praha, 2014]

Překlad: Michal Kotrouš, Dramaturgie: Vojtěch Bárta, Scénografie: Jan Štěpánek, Hudba: Luděkk Kazda, BioMasha, Hrají: Lucie Roznětínská, Nataša Gáčová, Tereza Štěpánek Chytilová, Daniela Choděrová, Marie Černíková, Hynek Chmelař.

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